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der geist der universitären vielfalt

über die notwendigkeit einer geistes- und sprachwissenschaftlichen fakultät an der linzer johannes kepler universität

Josef Zehetner

Die Geisteswisenschaften befinden sich am Anfang des 21. Jahrhunderts in einer schwierigen Lage. Das Computerzeitalter und der technologische und industrielle Fortschritt erschwert die Lage der Geisteswissenschaften, obwohl die Sehnsucht nach Gesellschaftlicher Veränderung immer größer wird. An vielen Universitäten in Europa wird als erstes bei den geisteswissenschaftlichen Fakultäten und Instituten eingespart. Nicht selten, wie zum Beispiel im Oktober 2003 in Hamburg, kommt es sogar vor, dass ganze Institute einfach geschlossen werden. Auch in Österreich hat der Finanzminister, Karl Heinz Grasser, ähnliches angedacht als er 2001 ankündigte, „die Orchideenfächer“ auf der Universität könnte sich Österreich ersparen.

Mit „Orchideenfächern“ meinte Grasser unmissverständlich große Bereiche der Geisteswissenschaften. Bedroht sind aber nicht nur „echte“ Orchideenfächer wie Ägyptologie, sondern sämtliche Fächer und Institute, die wenig Drittmittel aus der Wirtschaft zur Finanzierung ihrer Arbeit lukrieren (können). „Was bringen uns Heerscharen von EthnologInnen, ArchäologInnen oder TheaterwissenschafterInnen?“ lautet die simple Frage, die vorwurfsvoll hinter aktuellen Universitätsrestrukturierungen steht.

Wie schon der Titel nahe legt, soll an dieser Stelle nicht nur eine Lanze für die geisteswissenschaftliche Universität und Bildung an sich, sondern auch konkret für die Schaffung einer neuen geistes- und sprachwissenschaftlichen Fakultät (GeSWi-Fakultät) an der Linzer Johannes Kepler Universität Partei ergriffen werden. Eine kühne Absurdität angesichts des europäischen Bildungsmainstreams, der mehr und mehr auf unmittelbare und rasche Verwertbarkeit abzielt? Kühn vielleicht, absurd keineswegs. Wie die folgende Argumentation in bester diskursiv-geisteswissenschaftlicher Tradition zeigen soll.

modernisierung = ökonomisierung?

Während der Österreichische Physiker Zeilinger regelmäßig auf den Titelblättern diverser Wochenmagazine ist und Neues über Quantentechnologie erzählt, finden sich selten SoziologInnen oder SprachwissenschafterInnen auf solchen Covers. Die Geisteswissenschaften haben leider keine Ergebnisse vorzuweisen, mit denen wir in naher Zukunft „beamen“ können oder wie sich neue Reformen auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Seit den 90ern wird an allen Ecken und Enden, auch den Universitäten, modernisiert.

„Modernisiert“ heißt in diesem Fall: nach ökonomischen Kriterien reorganisiert. Den lange vorherrschenden Konsens, dass Wissenschaft den größten Gewinn für die Bevölkerung bringt, wenn man sie autonom und frei arbeiten lässt, gibt es nicht mehr. „Wissenschaft muss vorweisen, was sie leistet“ käme dem aktuellen gesellschaftlichen Konsens wohl schon sehr nahe. Die Phase der „Ökonomisierung der Universität“ ist aber noch nicht abgeschlossen. Von den Geisteswissenschaften wird jetzt verlangt, dass sie Rechenschaft darüber ablegen, warum sie eigentlich existieren. Sie sollen zeigen, worin ihr ökonomischer Nutzen besteht. Wo ist das verwertbare Wissen, wie es die KollegInnen in der Volkswirtschaft oder Chemie produzieren? Oder wo wurde eine Mars-Mission mit Forschungsergebnissen Österreichischer RomanistikerInnen unterstützt? Genau diese Forderung macht die Lage für die Geisteswissenschaften aussichtslos. Sie könnten sich reformieren bis sie weniger Studierende als die Naturwissenschaften haben und trotzdem würden die Fragen nach dem ökonomischen Nutzen nicht verstummen.

Dabei haben die GeisteswissenschafterInnen sicher nicht vor, sich vor Reformen zu schützen, es ist die Forderung nach einer trivialen „Ökonomie der Bildung“, der sie sich nicht beugen wollen. Dabei ist es nicht das erste Mal, dass auf der Universität oberflächlich und verkürzt nach Effizienz gefragt wird. Goethe meinte schon in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, dass die „Notwendigkeit von Musik und Dichtung im Dunkeln liege“ und dass wir es mit „brotloser Kunst“ zu tun hätten. Eigentlich nahm die ökonomisch interessierte Wissensgesellschaft ihren Ausgang schon vor 200 Jahren an den Universitäten. Oder um es mit dem Bielefelder Soziologen Peter Weingart zu sagen: “Nun kehrt die ökonomisch denkende Wissensgesellschaft, die vor 200 Jahren an den Universitäten ihren Ausgang nahm, an ihre alte Wirkungsstätte zurück und meldet ihre Ansprüche an.“ Die Formeln lauten heute: „Drittmittel-Aquirierung“, „Benchmarking“, „Externe Relevanzbeurteilung“ und „Kundenorientierung“. Institute müssen zusehends als Dienstleistungsbetrieb agieren und die ProfessorInnen werden zu Wissensunternehmern.

Am liebsten wäre es den sogenannten Modernisierern, die Institute mit ihrem geringen Budget hinaus auf den Markt zu schicken, wo sie sich dann bewähren sollen. Wenn die Institute dann nach ein paar Jahren keinen Umsatz machen und keine Rendite bringen oder nicht einmal auf der medialen Bühne der wissenschaftlichen Sensationen glänzen, werden sie geschlossen und aufgegeben.

Dass die Maßstäbe, an denen geisteswissenschaftliche Forschung und Lehre gemessen werden kann, nicht im verkürzten Horizont einer universitätsbetriebswirtschaftlichen Rechnung liegen können, wird dabei leicht übersehen. Dabei ist die Beurteilung des Nutzens bzw. des Wertes der Geisteswissenschaften für die Gesellschaft immer schon starken historischen Veränderungen unterworfen gewesen.

eine kurze geschichte der geisteswissenschaften

Reinhard Brandt, ein deutscher Philosoph, hat auf einem Vortrag der Marburger Universität am 9. Februar 2004 meinte, dass es den Geisteswissenschaften zunehmend auch an einer eigenen Schutzmacht fehle. Lange Zeit bis zur Aufklärung war das die Kirche. Im Mittelalter waren die universitären Disziplinen der artes liberales, der sieben freien Künste, mit der Aufteilung in Trivium (Grammatik, Rhetorik und Dialektik) und Quadrivium (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik) das erste mal in disziplinäre Prototypen unterteilt worden – basierend auf der Wissenschaftslogik des Aristoteles.

Die „artes“ galten im Mittelalter als Hilfswissenschaften der Theologie und dabei erschien das „Trivium“, die eigentliche Mutter der Geisteswissenschaften, als nützlicher, erleichterte es doch den Zugang zur „Heiligen Schrift“ und ihrem Verständnis. Die Kirche war somit lange Zeit der natürliche Schutzpatron der Geisteswissenschaften. Neben diesem „Nutzen“, kann man die Fächer des Triviums auch frei übersetzen in Verstehen (Grammatik), Argumentieren (Rhetorik) und Unterscheiden (Dialektik). Überaus nützliche Fertigkeiten, wenn es darum geht, Streitigkeiten zu lösen, ohne dass Mord und Totschlag regieren. Anders ausgedrückt: Die Geisteswissenschaften erhöhten schon immer das Potenzial Streitigkeiten verbal zu lösen und tragen zu einer friedlicheren Gesellschaft bei. Das hatte auch schon Aristoteles erkannt als er sagte: „Obwohl das hier erworbene Wissen doch theoretisch ist, so vollbringen wir doch unzählige Handlungen nach seinem Muster, indem wir nach seiner Maßgabe das eine ergreifen, das andere lassen, und vor allem mit seiner Hilfe alles Gute erwerben.“

Der Frühhumanist und Fiorentinische Staatskanzler Coluccio (1406) Salutati schrieb in seiner Abhandlung „Adel und Wissenschaften“ über den Unterschied zwischen den Natur- und den Geisteswissenschaften, am Beispiel der augenscheinlich nützlichsten Disziplin, der Medizin: „Natürlich ist die Medizin nützlich. Sie heilt Schmerzen und Gebrechen des Körpers. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.“ Nicht ohne hinzuzufügen, dass sie „allenfalls die Körper heile, jene anderen aber den Geist und die Seele.“

Hier emanzipieren sich die Geisteswissenschaften allmählich von der Theologie. Sie dienen jetzt dem Verständnis der seelischen und geistigen Energien des Menschen und nur noch am Rande dem Verständnis der „Heiligen Schrift“. Salutis Schriften gelten sicher als ein Wendepunkt – die nachfolgenden Generationen stürzten sich nur so auf die Geisteswissenschaften. Shaftsbury meinte schließlich zu Beginn des 18. Jahrhunderts, die Geisteswissenschaften hielten zur Kritik und Methode aller Wissenschaften an, denn „erst wenn der Zusammenhang aller Dinge erkannt ist, kann auch ihr Nutzen erreicht werden.“

Trotzdem diskutierten die frühen Bürgergesellschaften, wie die fiorentinische, die Frage, was wichtiger sei: der persönlich-kulturelle oder der politisch-gesellschaftliche Nutzen. Wie auch der Professor für Geschichte, Achatz von Müller, die „Bürgerhumanisten“ zitiert: „Führen Glück, Wohlhabenheit und Bildung des Einzelnen zu einer besseren Gesellschaft, oder verwirklicht sich das Glück des Einzelnen erst in einer geordneten Gesellschaft?“ Die Antwort darauf ist ein gewichtiges Argument für die Geisteswissenschaften.

Adam Smith, für viele ausschließlich bekannt als „Ökonom“, in Wahrheit aber eher Moralphilosoph, beantwortete sie so: “Indem alle Menschen danach trachten, ihre wirtschaftliche Lage und ihr soziales Prestige zu verbessern, schaffen sie den Wohlstand der Nationen.“ Das egoistische Handeln des Menschen muss aber, so ergänzte Smith seine Theorie, durch Rechtsgefühl, Konkurrenz, institutionelles Recht und moralischen Wissenschaften eingezäunt und so geleitet werden, dass alles dem Gemeinwohl nützt.

Die moralischen Wissenschaften zeigen dabei die Gefahren auf, die den Menschen und die Gesellschaft bedrohen und sie bieten Lösungen für Krisen der Gesellschaft an. Im Spiel der selbstreferenziellen Kräfte nehmen die Geisteswissenschaften einen wichtigen Standpunkt ein – sie geben Orientierung. Oder um ein anderes Zitat von Smith zu gebrauchen: „Die Wirtschaft ruht auf einem Fundament, das nicht ökonomischer sondern kultureller Natur ist.“

die wirtschaftlichkeit der geisteswissenschaften

Während die Universitäten bis vor 20 Jahren sehr stark vom Staat und von den politische Institutionen abhängig waren, haben sie sich in den letzen Jahren immer weiter von ihnen entfernt. Die Universitäten werden mit weitgehenden Rechten ausgestattet und autonomer, dafür nehmen die (öffentlichen) Budgets der Universitäten und ihrer Institute ab. Anstelle der öffentlichen Hand sollen die Privaten und (über Studiengebühren) die Studierenden treten. Die Universitäten docken bei der Wirtschaft, der Industrie oder privaten Stiftungen an.

Die Wirtschaft kann aber den Staat nicht als Schutzmacht der (Geistes-) Wissenschaften ersetzen, weil die geldgebenden Firmen untereinander konkurrieren und nur an der Maximierung ihres Profits interessiert sind und gesellschaftliche „Rentabilität“ der Universitäten ausklammern. Für die Geisteswissenschaften ist es dort weit schwieriger zu punkten.

Drittmittel aus der Wirtschaft als Finanzierungsmodell der Geisteswissenschaften treiben die einzelnen Institute noch mehr in die geistige Enge der Verwertbarkeit, als das schon bei den meisten naturwissenschaftlichen Disziplinen der Fall ist. Dabei produzieren die Geisteswissenschaften Denk- und Erfahrungsschiffren, die es uns ermöglichen, uns in der Welt zu bewegen. Am Profit für die Wirtschaft, am Ranking der Drittmittel-Checker oder an den Beiträgen für den Wissenschaftlichen Catwalk a la Zeilinger können die Geisteswissenschaften nicht gemessen werden; an ihrem Beitrag für die Entwicklung der Gesellschaft und des Menschen dafür umso besser.

Dabei ist auch der (volks-)wirtschaftliche Wert der Geistes- und Sprachwissenschaften nicht zu unterschätzen: Die Verfügbarkeit einer geisteswissenschaftlichen Bildung ist ein weicher Standortfaktor wie Kindergartenplätze, sozialer Friede und kulturelle Einrichtungen. Überhaupt haben Geisteswissenschaften für eine Region ähnliche positive Konsequenzen wie eine üppige Infrastruktur im kulturellen Bereich. Was ein Musiktheater für die kulturelle Weiterentwicklung einer kulturell aufstrebenden Region wie den Linzer Zentralraum bedeutet, ist zum Zwecke einer geistig-kulturellen Entprovinzialisierung durch Etablierung einer geistes- und sprachwissenschaftlichen Fakultät (GeSWi-Fakultät) an der Johannes Kepler Universität mehr als überfällig.

Neben der Umwegrentabilität des Standortfaktors „umfassendes universitäres Angebot“ spielen Sprachenausbildung und die Möglichkeit einer interdisziplinären Vernetzung des Bildungsangebots gerade in einem vereinten Europa und durch die Nähe zu den östlichen Nachbarländern eine wirtschaftlich bedeutende Rolle.

ein neues selbstbewußtsein

Die Geisteswissenschaften agieren oft aus einer Defensive heraus. Doch die Geisteswissenschaften sind vielfach die „produktnäheste“ Wissenschaft. Sie erforschen den Menschen, seine Ängste und Angewohnheiten. Und da gibt es gerade jetzt sehr viel zu tun. Wie entwickelt sich das leben in den alternden, westlichen Gesellschaften? Brauchen wir ein Global-Government um die Strukturprobleme zwischen Nord und Süd zu lösen? Wie wirkt sich die steigende Arbeitslosigkeit aus? Dabei wird von ihnen ein Wissen für Lehre und Forschung bereit gestellt, das weit über die Geisteswissenschaften hinaus Verwendung findet – zum Beispiel in der LehrerInnenausbildung.

Internationale Netzwerke, weltweite Kommunikationsstrukturen und die Globalisierung machen darüber hinaus die Sprach- und Kulturwissenschaften immer wichtiger. Das Verständnis von anderen Kulturen, verbal und nonverbal, ist für den internationalen Handel zentral. Der Innsbrucker Universitätsprofessor Helmut Reinalter sieht darüber hinaus neben der ethischen und bildenden Funktion auch die „regulativ-orientierende“ und „aufklärerisch-ideologische“ Funktion als sehr wichtig an. „Je lauter der Ruf nach „Orientierungswissen“ in breiteren Bevölkerungsschichten erschallt, umso deutlicher tritt die „Kompensationsfähigkeit“ der Geisteswissenschaften in einer streng durchrationalisierten Gesellschaft hervor.“

Den Geisteswissenschaften fehlt es nicht an Nutzen, der Maßstab wird an ihnen nur falsch angesetzt.

chancen einer geistes- und sprachwissenschaftlichen fakultät an der linzer johannes kepler universität

Betrachtet man die universitäre Landschaft in Österreich, so fällt auf, dass es an sämtlichen Universitätsstandorten (Wien, Graz, Innsbruck, Salzburg und Klagenfurt) geisteswissenschaftliche und sprachwissenschaftliche Vollangebote gibt. Und auch an der Linzer Johannes Kepler Universität äußert sich die Notwendigkeit zumindest rudimentärer geistes- und sprachwissenschaftlicher Angebote in einzelnen Instituten oder Lehrstühlen für Gesellschaftspolitik, Wissenschaftsphilosphie, (Wirtschafts-) Geschichte, Psychologie und Fachsprachen. Vollstudien in Sprachen, Geschichte, Politik, Philosophie und vielem mehr sind aber derzeit an der Linzer Universität nicht möglich.

Dass dieses Fehlen einer geistes- und sprachwissenschaftlichen Fakultät für ganz Oberösterreich einen – verglichen mit den übrigen Bundesländern – bedeutenden Nachteil darstellt, ist offensichtlich: Eine GeSWi-Fakultät spielt immer auch die Rolle eines Schauplatzes für Diskurs und Weiterentwicklung einer Region. So schmerzt auch in den Vorarbeiten für die Bewerbung von Linz als europäische Kulturhauptstadt 2009, dass nicht auf das Wissen und die Arbeit einer geistes- und sprachwissenschaftlichen Fakultät zurückgegriffen werden kann.

Dabei zeigen die bereits erwähnten, vorhandenen geistes- und sprachwissenschaftlichen Studienangebote, dass für eine Etablierung einer GeSWi-Fakultät an der Linzer Universität keineswegs bei Null begonnen werden muss.

An einer Anschubfinanzierung für den Aufbau einer GeSWI-Fakultät durch Stadt Linz und Land Oberösterreich und einem gemeinsamen Lobbying für die laufende Finanzierung von Bundesseite wird aber klarerweise kein Weg vorbeiführen. Allerdings hat auch die sehr erfolgreiche Einführung der Studienrichtung Mechatronik und die jüngste Errichtung des Hochschulfondgebäudes gezeigt, dass Stadt und Land durchaus fähig und bereit waren, für die Weiterentwicklung des Hochschulstandortes Linz auch finanziell geradezustehen. Was die notwendigen Finanzmittel von Bundesseite betrifft, so kann auch der überproportionale Anteil Oberösterreichs am Bundessteueraufkommen ein Argument für den längst überfälligen Anspruch dieser Region auf ein vollständiges universitäres Programm sein.

schwerpunkt sprachwissenschaften

Wie bereits angeführt, werden durch die internationale Vernetzung und die Globalisierung das Verständnis für andere Länder und Kulturen immer wichtiger. Sprache ist der Schlüssel zu anderen Kulturen und nimmt unter den Geisteswissenschaften einen wichtigen Standpunkt ein. Das Fehlen qualifizierter Sprachausbildungen im Studienprogramm der Linzer Universität entwickelt sich somit zu einem immer schwerwiegenderen Nachteil.

Die meisten Studierenden wählen heute den bequemen Weg Englisch, das zu einer universalen Sprache im Westen geworden ist. Im Westen wohlgemerkt. In den Nachbarländern Tschechien, Slowakei, Ungarn und Slowenien ist Englisch aber immer noch eher die Drittsprache. Seit dem 1. Mai 2004 und der EU-Erweiterung ist die EU aber um viele Sprachen reicher und das Slawische hat einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Hier liegen auch Chancen für eine geisteswissenschaftliche Fakultät für Linz.

Eine GeSWi-Fakultät mit einem Schwerpunkt auf Ost-Sprachen (inklusive Chinesisch) würde Oberösterreich als Wirtschaftsregion aufwerten. Das Engagement der Österreichischen Wirtschaft in Osteuropa und die osteuropäische Wirtschaft als PartnerIn eröffnen zahlreiche Perspektiven. Studierende der Wirtschaftswissenschaften könnten eine slawische Sprache als Zweitstudium belegen und so wichtige Zusatzkenntnisse erwerben, die in der internationalen Kooperation mit Oststaaten sehr hilfreich sind.

Das slawische Institut an der Wirtschaftsuniversität Wien findet großen Anklang bei den Studierenden und kann auch auf dutzende Kooperationen mit Universitäten aus den östlichen Nachbarländern verweisen. Und auch die Milderung des aktuellen Mangels an DolmetscherInnen für zahlreiche Sprachen würde den Standort Oberösterreich stärken. Die Stadt Linz könnte sich zudem über ein Plus an Studierenden freuen, denn es sind die fehlenden Angebote für Sprachausbildungen, die viele OberösterreicherInnen zwingen, zum Studium ihr Bundesland zu verlassen und nach Salzburg, Graz oder Wien auszuweichen.

In der EU nimmt aber auch die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit zwischen Regionen zu. Linz und Oberösterreich verfolgen schon viele Partnerschaften mit Regionen und Städten des ehemaligen Ostblocks. Besonders mit Tschechien könnten im Zuge der Etablierung einer multilingualen GeSWi-Fakultät viele neue Projekte entstehen, wenn kulturelle und sprachliche Barrieren abgebaut werden.

Für die bisherigen Institute der Linzer Universität hätte eine geistes- und sprachwissenschaftliche Fakultät auch Vorteile. So könnten multilinguale, länderübergreifende Lehrinhalte in die Studienrichtungen einfließen. Projekte über die Auswirkungen der Marktwirtschaft in den Ländern des Ostens, z.B. von SoziologInnen länderübergreifend mit Universitäten der ehemaligen GUS-Staaten, wären dann eine Möglichkeit. Oder eine Ost-Wirtschaftsdatenbank für ManagerInnen von Linzer Wirtschafts- und Informatikstudierenden gemeinsam mit tschechischen Studierenden erstellt. Durch solche Kooperationen mit innovativen Ideen entstünden auch neue Arbeitsplätze in der Region.

Neue Chancen eröffnen sich in diesem Zusammenhang auch für das Multimediastudium in Jus. Mit der Südböhmischen Universität Budweis hat die Uni Linz schon ein Joint Study Programm auf gesamtuniversitärer Ebene. Trotzdem gibt es noch viele Möglichkeiten, diese Kooperation zu intensivieren. Das Jus-Multimediastudium könnte, wenn die sprachlichen Voraussetzungen stimmen, auf Budweis ausgedehnt und um rechtliche Inhalte der Nachbarländer erweitert werden.

der wert der vielfalt

Schließlich bieten sich auch in kultureller Hinsicht große Möglichkeiten. Die Österreichische Kultur ist ein „Mischprodukt“, an dem die slawischen Kulturen stark beteiligt sind. Waren zur Blütezeit des österreichischen Hochschulwesens zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Universitäten noch zu großen Teilen von Studierenden aus dem gesamten Gebiet der Donaumonarchie bevölkert, so haben Austrofaschismus, Nationalsozialismus und 50 Jahre eiserner Vorhang dieser befruchtenden Vielfalt ein Ende bereitet. Jetzt verbindet uns die EU und die Möglichkeit neuer Partnerschaften. Ein Institut für Slawistik würde Oberösterreich als Region wieder stärker in diesen Prozeß einbinden. Denn das kulturelle Verständnis des Partners ist unabdingbar für eine effektive und gegenseitig vorteilbringende grenzübergreifende Kommunikation.

Abseits der positiven Perspektiven für Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur, die mit einer Erweiterung der Johannes Kepler Universität um eine geistes- und sprachwissenschaftliche Fakultät einher gehen, sind die Auswirkungen auf die Qualität des Linzer Forschungsbetriebs in seiner Gesamtheit nicht zu unterschätzen.

Denn gerade in den am meisten geförderten und als Zukunftswissenschaften gefeierten Bereichen der Biotechnologie und Genforschung, spielt die geisteswissenschaftliche Einordnung und Rahmung der Erkenntnisse eine entscheidende Rolle:

„Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms – ein neues Kapitel des Lebens“, so wurde die Entdeckung in fast allen Nachrichtenmedien gefeiert. „Die veröffentlichte Meinung“, wie es der Professor und Mitglied des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierats, Joseph Jurt, ausdrückt, „macht die Biowissenschaft zur Lebenswissenschaft. Die historische und kulturelle Dimension macht aber den Menschen aus und nicht die bloße Naturbasis.“ Der Mensch ist nicht nur das entschlüsselte Genom, sondern auch die Zeichen und Bedeutungen, die er hervorbringt – vor allem auch die Sprache. Eine „ganzheitliche“ Universität sollte Geisteswissenschaften mit anderen Disziplinen vereinen. Nur so ist ganzheitliche Forschung möglich.

Über die Jahrtausende hat der Mensch sehr unterschiedliche Formen der Lebensbewältigung, der Kulturen und des Selbstverständnisses des Menschen hervorgebracht. Die immer schnelllebigere Zeit, mit all ihrem technologischen Fortschritt, vermittelt uns aber manchmal den Eindruck, wir würden im globalen Dorf leben. Die unterschiedlichen Kulturen und Traditionen sind aber Ausdruck eines kulturellen Reichtums. Diese Vielfalt helfen uns die Geisteswissenschaften zu erklären. Sie lehren uns, vorsichtig mit kulturellen Differenzen umzugehen. „Kulturelle Vielfalt, die Dimension der Geschichte, das Vermögen zur Kommunikation sowie die Sorge um die globalen Entwicklungen müssen nicht nur gewahrt werden, sondern als verbindliche Perspektiven angenommen werden“, so Professor Jurt.

fazit

Für Linz als Bildungs-Stadt ist eine geisteswissenschaftliche- und sprachliche Ausbildung eine große Chance. Die Vollständigkeit des universitären Bildungs- und Forschungsangebot regt den Diskurs in einer Region an und ermöglicht erst ihren ganzheitlichen Fortschritt.

Ein stärkeres Engagement der Geisteswissenschaften an der Linzer Universität würde aber auch wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell den Standort Oberösterreich aufwerten. Besonders Sprachen werden in einer offenen und globalisierten Welt und Wirtschaft immer wichtiger.

Die Linzer Johannes Kepler Universität hat für die Einführung eines vollwertigen geistes- und sprachwissenschaftlichen Angebots die besten Voraussetzungen. Auf dem Fundament des jetzigen Angebots wäre mit Hilfe von Stadt und Land eine sinnvolle Erweiterung möglich. An der Sozialdemokratie dürfte es aber liegen, die notwendige Überzeugungs- und Informationsarbeit für eine GeSWi-Fakultät an der Linzer Universität in Angriff zu nehmen.

literatur

Fabian, Bernhard (1996): Zukunftsaspekte der Geisteswissenschaften, Verlag für Grundlagentexte der Geisteswissenschaften

Jüde, Peter (1999): Berufsplanung für Geistes- und Sozialwisssenschafter. Staufenbiel

Keisinger, Florian (2003): Wozu Geisteswissenschaften? Kontroversielle Beiträge zu einer überfälligen Debatte, Campus Verlag

Smith, Adam (1776): An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Deutscher Taschenbuch Verlag

“Listen, you hear the difference between science and science fiction,
we blow it out like if you leave on every appliance in the kitchen!“

(Talib Kweli feat. Hi-Tek / „Good Morning“)



 

links zum thema

www.geiwibroschüre.at
Eine umfangreiche Broschüre der Innsbrucker GeiWi-Fakultät mit einem Plädoyer für die Geisteswissenschaften mit geschichtlichen Hintergründen

www.zeit.de/feuilleton/
geisteswissenschaften

Situation und Geschichte der Geisteswissenschaften, verschiedene Meinungen zur Zukunft der Geisteswissenschaften

www.nzz.ch/fe/index.html
Die Diskussion über den Nutzen der Geisteswissenschaften wird auch in der Schweiz geführt. Ausführliche Beiträge von Professoren aus der Geisteswissenschaft

diskurs: „geswi-fakultät für linz“

über „den geist der universitären vielfalt“ diskutieren leonhard dobusch und claudia hahn mit dem autor josef zehetner