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diskurs: „neue soziale bewegungen“
über „den frischen wind in der politischen arena: neue soziale bewegungen“ diskutieren claudia hahn und josef zehetner mit dem autor jakob huber.
Claudia
Hahn: Mich würde interessieren, wie du persönlich, Jakob,
zu den Neuen Sozialen Bewegungen stehst. Denn der Beitrag ist ab und zu sehr
kritisch, dann aber wieder sehr befürwortend.
Jakob Huber: Ich habe versucht, das Phänomen differenziert
zu sehen. Jedenfalls finde ich sie auf Grund verschiedener Eigenheiten sehr
spannend. Zum einen ist das ihr umfassender Anspruch, der sie von „alten“
sozialen Bewegungen wie der Ökologie- und der Frauenbewegung unterscheidet
und sie eher in Konkurrenz zu Parteien stellt. Denn Parteien versuchen mit
ihrer Weltanschauung ja auch umfassend Antworten zu liefern. Zum anderen geht
es ihnen nicht unbedingt darum, eine Meinung durchzusetzen, sie sehen sich
selbst als Netzwerk. Aber es gibt eben auch Schwächen wie die mangelnde
Professionalisierung. Wobei noch nicht völlig klar ist, was alles „Neue
Soziale Bewegung“ ist.
CH: Du schreibst, dass attac nur in Frankreich und Deutschland
professionell arbeiten und relativ gut funktionieren. Ich stelle die Frage,
ob sie wirklich professionalisiert sein wollen? Oder wollen sie nur protestieren?
JH: Sowohl als auch. Einerseits will attac professionell
und seriös arbeiten und so teilweise als Lobby fungieren. Genauso gibt
es aber auch die „Sturm im Wasserglas“-Diskussionsrunde, wo die
Leute sich vor allem selber wiederfinden wollen.
Josef Zehetner: In attac, den Sozialforen und der globalisierungskritischen
Bewegung als Ganzes finden sich zwei Typen von NGOs. Einerseits gibt es zahlreiche
politische NGOs, die versuchen Leute zu politisieren und zu ideologisieren.
Andererseits gibt es auch die Bewegungen „aus der Multitude heraus“,
wie Negri sagt („Multitude“ ist die basisnahe globalisierte Gegenbewegung
zum „Empire“ in Negri und Hardts gleichnamiger Globalisierungs-Fibel.
/ Anm.). Gemeinsam hat die Globalisierungsbewegung, dass sich alle Gruppen
gegen einen Sachverhalt wehren wollen. Der gemeinsame scheinbar übermächtige
Außenfeind führt somit politische Kaderschmieden und nicht politisch-ideologische
Gruppierungen zusammen. Dabei fällt auf, dass viele Gruppierungen Anliegen
übernehmen und vertreten, die in der herkömmlichen politischen Auseinandersetzung
wenig Platz haben, wie es im Beitrag auch als „advocacy function“
beschrieben wird. Findest du Jakob, die SPÖ sollte auch im Bereich des
„advocacy“ stärkere Anleihen bei der Globalisierungsbewegung
nehmen?
JH: NGOs besitzen naturgemäß bei den Menschen,
die sie vertreten, eine besonders hohe Glaubwürdigkeit, sie müssen
ihre Positionen aber auch nicht mit zahlreichen anderen zu einer homogenen
Weltanschauung zusammenfügen. Deshalb wird die SPÖ NGOs in ihrer
advocacy-function nie völlig ersetzen können. Dort liegt aber gleichzeitig
auch eine Stärke klassischer Parteien: Sie sind integrativ, weil sie
sich mit ihrem Veränderungs- oder Bewahrungsanspruch auf sämtliche
gesellschaftliche Bereiche erstrecken
CH: Der Beitrag zielt auf die Lernmöglichkeiten für
die SPÖ ab. Ein wesentlicher Diskussionspunkt ist dabei die Mitgliederarbeit,
verbunden mit dem Anspruch, ein bisschen mehr Dienstleister zu sein. Nicht
nur für Mitglieder sondern auch für SympathisantInnen. Hier liegt
auch die Überlegenheit, die größere Flexibilität der
sozialen Bewegungen. Du hast auch gefordert, die Trennung von Mitglied und
Sympathisant aufzuweichen. Etwas weniger detailreich bist du beim „Wie?“.
JH: Es geht darum, Einstiegsbarrieren für Menschen im
Umfeld abzubauen. Eine Parteimitgliedschaft wird nicht unbedingt positiv gesehen.
Sie gilt als dauerhaft, ohne „Wiederkehr“ und viele glauben, sie
fordert vollkommene Übereinstimmung und die notwendige Aufgabe eigener
Positionen. Gleichzeitig sehen sie wenig Nutzen. Da muss sich die SPÖ
überlegen, wie sie diese größtenteils Image-Barrieren abbauen
kann. Sehr maßgeblich ist in diesem Zusammenhang, wie SympathisantInnen
die Organisationskultur wahrnehmen. Ich glaube, lange Sitzungen, Sesselkleberei
und die zu starke Ausrichtung auf die Wohnsektionen sind langweilig. Interessante
Diskussionen werden hingegen selten öffentlich geführt oder dringen
nicht durch.
JZ: Die Frage ist auch, was bekommen die Mitglieder dafür,
dass sie einmal im Jahr nicht einmal so wenig Geld an die Partei überweisen.
Welchen Einfluss haben sie?
JH: Die Partei muss Diskussion fördern. Dazu gehört
auch ein Mitspracherecht bei wesentlichen Entscheidungen, zum Beispiel über
Urabstimmungen. Wie steht ihr dazu?
JZ: Auf Bezirksebene ja, auf Bundesebene wäre das wahrscheinlich
eher lähmend. So können Themen auch verschleppt werden.
JH: Mir erscheint es als besonders wichtig, interne Kritikfähigkeit
zu schaffen. Die SPÖ soll nicht der Hort der Basisdemokratie werden,
aber trotzdem geht mir breite inhaltliche Arbeit und Diskussion ab.
JZ: Eine Chance für die SPÖ ist glaube ich auch,
dass die Globalisierungsbewegung wegen zahlreicher Kinderkrankheiten in Österreich
noch nicht richtig auf Touren ist. Deshalb kann die SPÖ in diesem Bereich
durchaus noch Themen besetzen und sich aktiv einbringen. Mit der inzwischen
erfolgten Abkehr vom teilweise neoliberalen Kurs der SPÖ in den 90er
Jahren wurde auch ein erster Schritt in diese Richtung getan.
JH: Ein anderer Grund für den mäßigen Erfolg
der Globalisierungsbewegung ist, dass Österreich im Vergleich mit anderen
Ländern sehr wohlhabend ist. Andere Ländern spüren die Auswirkungen
der Globalisierung (schon) stärker. Schließlich gibt es auch keine
starke Bewegungskultur. Demos mit über 100.000 Menschen gab und gibt
es kaum.
JZ: Stimmt. Die 68er waren ja auch nur ein Lüftchen
in Österreich.
JH: Österreich ist sehr konsensorientiert, fast schon
konsenssüchtig. Deshalb spricht die doch widerständige Globalisierungsbewegung
nur einen engen Kreis an, von dem wiederum sehr viele schon politisch organisiert
sind. Denn im Gegensatz zur geringen Bewegungskultur ist der Organisationsgrad
in Österreich ja immer noch relativ hoch.
JZ: Eine andere Perspektive, die im Beitrag nicht allzu breiten
Raum bekommt, ist der interrnationale Aspekt. NGOs fassen leichter international
Fuß als Parteien, sie haben schneller den nationalen Rahmen gesprengt.
So sind viele NGOs auf europäischer Ebene schlagkräftiger und besser
vernetzt als beispielsweise die SPE (Sozialdemokratische Partei Europas, Anm.).
Und die ist immerhin eine Fraktion im Europäischen Parlament.
JH: NGOs spielen im internationalen Bereich eine grössere
Rolle. Sie sind auch in der UNO schon lange verankert. Bei großen Verhandlungen
wie zum Beispiel in Kyoto werden Expertisen von NGOs berücksichtigt.
Ein drastisches Beispiel: In gewissen Regionen in Entwicklungsländern
ist es wahrscheinlicher, die Schulbildung von einer NGO als vom Staat zu erhalten.
Dass das kein wünschenswerter Zustand ist und nur eine absolute Not-
und Übergangslösung sein kann, macht diese Arbeit dabei nicht weniger
wichtig.
Nebenstehende Diskussion dreht sich rund um den Buchbeitrag „den frischen wind in der politischen arena: neue soziale bewegungen“ von Jakob Huber.