beitrag + gespräch als pdf-download:
diskurs: „verkehr in linz“
über „telematikunterstützte verkehrsnetzwerke und eigentum in der kommunalen verkehrspolitik“ diskutieren jakob kapeller und vera lischka mit dem autor christian forsterleitner
Jakob
Kapeller: Was mich beschäftigt hat, vielleicht auch, weil ich
nicht in Linz wohne und vor allem zur Linzer Universität pendle, wo ist
der zentrale Punkt, der rote Faden in deinem Beitrag?
Christian Forsterleitner: Ausgangspunkt ist die Analyse,
dass das Verkehrssystem ein Netzwerk ist, das aber noch nicht optimal ausgebaut
ist. Es fehlen an manchen Punkten (Verkehrs-)Knoten, das Netzwerk muss besser
ausgebaut, Knoten ergänzt und die Funktionsweisen mit Telematik verbessert
werden. Verbindendes Element von Telematik und Verkehrsnetzwerkplanung ist
das öffentliche Eigentum, das diesen umfassenden und integrativen Ansatz
von Verkehrspolitik erst möglich macht.
Vera Lischka: Ich frage mich dabei, wie das mit der Telematik
konkret funktionieren soll? Mit dem Laptop in die Telefonzelle klingt nicht
sehr realistisch. Außerdem erhöht der verstärkte Einsatz von
Telematik zwar Transparenz und Attraktivität, löst aber das Verkehrsproblem
nicht.
CF: Das primitivste System von Verkehrslenkung ist ein Park- und
Hotelleitsystem, wie es inzwischen auch in Linz existiert. Das ist natürlich
noch keine Telematik. Der nächste Schritt wurde in Linz mit der Anzeige
der Wartezeit bei den Linzlinien getan. Noch ein Schritt weiter könnte
so aussehen: Immer mehr Menschen haben Internet, alle verwenden Handies. Jemand
ist am Weg in die Stadt und erhält die Information, dass es heute auf
Grund der Verkehrsverhältnisse besser wäre, das Auto in Ebelsberg
am Park&Ride-Parkplatz stehen zu lassen und mit den öffentlichen
Verkehrsmitteln weiterzufahren. Es kann aber auch sein, dass die Meldung lautet
„Alles ist frei, Auto ist am besten“. Die Verknüpfung von
Erfahrungswissen und aktuellen Informationen mit individuellen Mobilitätsdaten,
wie Standort und zur Verfügung stehende Verkehrsmittel, ist die Neuerung.
Somit werden den Menschen Alternativen geschaffen und gleichzeitig das öffentliche
Verkehrsnetz attraktiver gemacht.
JK: Wahrscheinlich sind sehr viele mediale Kanäle notwendig,
um die Information wirklich anzubringen, Internet, Terminals etc. Gibt es
da konkrete Vorstellungen wie das flächendeckend institutionalisiert
werden kann?
CF: Grundlegend ist meiner Meinung nach die Verbindung zwischen
öffentlichem und individuellem Verkehr. Derzeit stehen schon relativ
viele Informationen (GPS) für den Individualverkehr auch mobil zur Verfügung.
Aber die Verbindung mit den Daten über den öffentlichen Verkehr
steckt noch in den Kinderschuhen. Und das Internet darf nicht unterschätzt
werden: Schon heute ist es viel einfacher und bequemer, seine Bahnreise online
zu planen und gleich auch zu bezahlen, als mühsam bei der Telefonauskunft
anzurufen und sich dann erst wieder am Schalter oder Automaten anstellen zu
müssen.
VL: Stichwort Park&Ride. Wie ist das bei der Nahverkehrsdrehscheibe
Hauptbahnhof möglich, im neuen Landesdienstleistungszentrum arbeiten
über 2.000 Menschen, 350 Park&Ride-Parkplätze sind dann wohl
nicht ausreichend.
CF: Also einerseits gibt es für die Bediensteten des Landesdienstleistungszentrums
nocheinmal separate Stellplätze. Und außerdem wird es ja gerade
für diese Menschen besonders attraktiv, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln
zu fahren.
JK: Und manchmal ist auch keinen Parkplatz zu finden ein Anreiz,
öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.
CF: Da gefallen mir Anreize, wie die sinnvolle und praktische Verbindung
zahlreicher Verkehrsmittel in mehreren Verkehrsknotenpunkten, wie eben der
Nahverkehrsdrehscheibe, schon besser. Ganz allgemein ist es aber wichtig,
beim Wohnbau die Verkehrsinfrastruktur mitzudenken. Pichling ist hierfür
ein gutes Beispiel. Die Straßenbahn ist für den Weg ins Zentrum
zu weit, der Bahnhof Pichling ist dafür sehr nahe und eine Schnellbahnverbindung
zum Hauptbahnhof ist von dort einfach möglich.
JK: Die Geschwindigkeit der öffentlichen Verkehrsmittel
kann nämlich schon ein starker Grund für die Verwendung des Autos
sein: Die Fahrt von Steyr bis zur Linzer Universität dauert mit dem Auto
solange wie die Fahrt mit der Straßenbahn vom Bahnhof Linz zur Endhaltestelle
Universität. Das ist einfach zu lange. In Urfahr bzw. in Universitätsnähe
wäre jedenfallls ein idealer Punkt für einen weiteren Verkehrsknotenpunkt.
VL: Wäre es machbar, einen Anreiz für die Benutzung öffentlicher
Verkehrsmittel zu schaffen, indem der öffentliche Verkehr über eine
einheitliche Abgabe finanziert wird und dafür die Benützung völlig
frei wäre.
CF: Die Idee ist spannend, meines Wissens hat sich die Umsetzung
derartiger Vorhaben auf kommunaler Ebene mittels Insellösungen aber alles
andere als einfach dargestellt. Aber einen ernsthaften Gedanken wäre
dieser Vorschlag sicher wert.
JK: Sozial gerecht wäre es auch, denn je höher die Nutzung
des Individualverkehrs desto größer ist regelmäßig der
Wohlstand. Die Gratis-Nutzung des öffentlichen Verkehrs wäre somit
auch ein solidarisches Modell.
VL: Wobei der ÖV ja nicht wirklich teuer ist.
JK: Siehst du eigentlich ein größeres Potential für das Fahrrad
in Linz?
CF: Ja, ich glaube schon. Bemühungen, FahrradfahrerInnen mitzudenken
und gleich von Anfang an mitzuplanen sind richtig und sollten nicht belächelt
werden. Mit einem besseren Fahrradnetz wird das Fahrrad als Fortbewegungsmittel
auch gleich besser angenommen. Besonders im Zentrum ist das interessant. Und
abseits vom Umweltaspekt wäre es auch vielleicht ökonomisch gut,
die Menschen vom Donauradweg mit einer guten Fahrradinfrastruktur in die Innenstadt
zu locken.
JK: Der spannendste Gedanke des Beitrags ist aber für mich,
dass das öffentliche Gut effizienter als das private ist und eine ganzheitliche
Nutzenorientierung in manchen Bereichen besser ist als die reine Profitorientierung.
Und was du hier für den öffentlichen Verkehr argumentiert hast,
ist auch auf manch andere Bereiche übertragbar. Stichwort: Infrastrukturelle
Grundsicherung.
CF: Der Verkehr ist hier klarerweise exemplarisch. Ich wehre mich
dagegen, dass der Staat unbedingt schlechter als ein Privater wirtschaftet.
Dem neoliberalen Mainstream hier entgegenzutreten ist sicher im Bereich des
Nahverkehrs notwendig und einsichtig.
JK: Im öffentlichen Verkehr sind die Fixkostenanteile so hoch,
da kann bei einer Privatisierung sehr schnell sehr viel kaputt gehen. Das
ist also nicht nur ein gutes Beispiel um die Vorteile von öffentlichem
Eigentum in vielen Bereichen zu illustrieren, sondern auch ein Bereich, wo
das öffentliche Eigentum nicht aufgegeben werden darf.
VL: Was die Verkehrsplanung betrifft, ist vielleicht auch Wien ein
gutes Beispiel: Die meisten Wien-BesucherInnen parken sofort am Stadtrand
und fahren dann weiter mit der U-Bahn. Auch in Linz sollte ein Park&Ride-System
an den Bahnhöfen angestrebt werden.
JK: In Zukunft schaffen wir es vielleicht von einem Parkleitsystem
zu einem Verkehrsknotenleitsystem. Von Knoten zu Knoten statt von Parkplatz
zu Parkplatz.
Nebenstehende Diskussion dreht sich rund um den Buchbeitrag "telematikunterstützte verkehrsnetzwerke und eigentum in der kommunalen verkehrspolitik" von Christian Forsterleitner.